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Arbeit

Mein erstes Feedback spiegelt genau die Befürchtungen wider, warum ich mich so lange vor der Arbeitswelt gedrückt habe: Ich bin zu direkt, pragmatisch, wirke besserwisserisch, ungeduldig und mir fehlt das ganze pädagogische Geschwurbel in meiner Kommunikation. Big News: Ich bin manchmal ein Trampeltier. Außerdem wird, da ich sonst so direkt und pragmatisch bin, mein alberner Humor gänzlich missverstanden. Ich habe eine "scharfe Sprache". Und da ich ja mit Pädagogen zu tun habe, wurde versucht, das alles etwas mit Positivem abzumildern: Ich arbeite sehr genau und gewissenhaft (immerhin haben sie nicht das Wort pedantisch benutzt), habe mir in den wenigen Monaten schnell notwendiges Fachwissen angeeignet ("die Fachkompetenz ist da, es fehlt an Beziehungsarbeit"), und dass ich einen anderen Arbeitsstil habe, könnte ja vielleicht auch gut für das Team sein. Ergänzend und so. Und man nehme ja auch Rücksicht auf den Faktor, dass dies mein erster Job ist und ich mich erst reinfinden muss.

Yay. Das ganze in drei Monaten noch mal und wenn sich bis dahin nicht was gebessert hat, sieht es wohl eher schlecht mit einer künftigen Entfristung aus (Kolleginnen entscheiden darüber, von denen kam auch das Feedback).

Loca hat sich dann abends extra Zeit freigeschaufelt, um mich vom Boden aufzukratzen, was ihr auch so halb gelungen ist. Feedback soll ja da sein, um seine Baustellen kennen zu lernen und an ihnen arbeiten zu können. Mehr Schweigen, mehr Zurückhaltung, mehr Beobachten, mehr Blümchenkacken. Wie ein Wolf im Teletubbyfell.

(In der Nacht darauf bin ich um 3 aufgewacht, konnte nicht mehr einschlafen und habe sicher 2 Stunden nach Jobalternativen im Internet geschaut. Mit weniger menschlicher Interaktion.)
17.5.16 13:07


30

Da ist es also, das Erwachsenenleben, vor dem ich mich so lange gefürchtet und gedrückt habe.

Ich habe eine schöne Wohnung, die dank Wasserschaden zum Einzug immer noch Baustelle ist. Und das Schlafzimmer muss noch gestrichen werden.
Katzen sind einigermaßen okay damit, jetzt Hauskatzen zu sein. Kollegin fragte, wie teuer so eine Katze eigentlich ist. Geht man von den Grundkosten aus geht es eigentlich. Aber ohne Katzen hätte ich mir entweder ein 1Zimmerappartment oder noch mal - zumindest für den Beginn hier - eine WG gesucht. Jetzt habe ich sogar ein Gästezimmer. Wie dekadent.

Kolleginnen sind supernett und der Job ist vermutlich das kleinste Übel, das ich mir aussuchen konnte. Ich glaube, er passt ganz gut zu mir. Nur die Konzentration geht mir mittags völlig flöten und abends bin ich ziemlich fertig. Ich hoffe, das gibt sich mit der Gewohnheit.

Der See ist so schön. Wenn ich abends am Bahnhof ankomme, der direkt am See liegt, und die Sonne gerade untergeht oder alles in weißen Nebel gehüllt ist, bin ich sehr dankbar ausgerechnet hier gelandet zu sein.
25.3.16 20:07


2016

Und plötzlich habe ich (inoffiziell bislang) eine 1,3 in der Abschlussarbeit, an der ich so lange versagensverängstigt genagt habe. Einen Job ab Februar, eine schnuckelige Traumwohnung am Bodensee (in der Katzenhaltung erlaubt ist!) ab April und zwei potentielle Übergangslösungen bis dahin. Jetzt erst mal Durchatmen.
8.1.16 19:59


Wiedersehen und Abschied

Vorletzten Samstag einen wunderschönen Abend mit dem Elfen verbracht. Ich glaube, wir waren das erste Mal seit Jahren nur wir zwei. Es gab Steak und Salat und Gin Tonic und lange Gespräche auf der alten braunen Ledercouch, von der wir beinahe immer wieder runterrutschten. Wir sprachen über Freundschaft und was sie für uns bedeutet. Vor allem das Gefühl zu bekommen, dem anderen wichtig zu sein.

***

Kurz vor Weihnachten Maria wieder gesehen, das erste Mal seit vielleicht drei Jahren. Sie wohnt wieder hier, in der Heimat. Wir tranken Glühwein und bummelten durch die Stadt, als wäre alles wie immer.

***

Am ersten Weihnachtsabend Kami das erste Mal alleine getroffen, seit Schluss ist, seit bald fünf Jahren. Er holte mich mit dem Auto ab und wir gingen lange spazieren, es war eine sehr klare Vollmondnacht. Ich erkannte ihn trotz der Helligkeit kaum wieder.

Er hatte schon immer zwei Persönlichkeiten. Eine äußere, coole, unnahbare, unangreifbare und eine innere, warme, vertraute und verletzliche. Die äußere ist gewachsen, hat sich verschärft, verkantet, ist zu seinem Haupt-Ich geworden. Nach der inneren suchte ich den ganzen Abend und fand sie nicht.

Er coacht jetzt Männer beim Frauen flachlegen ("Ziele erreichen mit NLP"), so richtig klischeemäßig mit zusammen in den Club gehen und anschubbsen. Und selbst hängt er den totalen Playboy raus, der reihenweise Frauen verführt und überhaupt ist alles ganz großartig. Also so eine rein monogame Beziehung wäre überhaupt nichts mehr für ihn. Sex mit Liebe wäre total beschissen, sexuelle Anziehung ist es, die den Sex geil macht! Yay Ficken!

Zwischendurch hatten wir ein paar gute Momente, über berufliche Ziele und seine Eltern, denen er am gleichen Tag gebeichtet hatte, dass er niemals als Ingenieur arbeiten würde. Er macht sich im kommenden Jahr hauptberuflich als Hypnose- und NLP-Coach selbstständig.
"Ist das nicht merkwürdig, wie wir getauscht haben?"
"Was meinst Du?"
"Ich wollte in die therapeutische Richtung und Du hattest kein Interesse, Dir die Probleme anderer Menschen anzuhören. Und jetzt bist Du Coach und ich habe keine Lust mehr auf Menschen."
"Ich habe immer noch kein Interesse daran, es ist doch immer das gleiche. Wenn man die richtigen Fragen stellt, braucht man gar nicht so sehr zuhören."
Ahja.
Außerdem ist er wohl (scheinbar) offener geworden, während ich sehr viel verschlossener und ruhiger geworden bin. Er erinnerte mich daran, dass ich früher viel "touchiger" war, was ich fast schon vergessen habe. Bamberg hat mir nicht gut getan in dieser Hinsicht.

Er erwähnte irgendwann, dass er experimentell für 3 Monate wieder geraucht hätte, wollte dann aber nicht näher darauf eingehen.
"Jetzt bin ich aber neugierig"
Er antwortete "ich weiß".
Ich erkannte eine typische Provokationsmasche und wechselte das Thema.

Später fing er plötzlich an, Menschen kaputt zu argumentieren, die daran glauben würden, dass "alles eins" wäre. Und überhaupt, wer sagt eigentlich, dass alles aus Energie bestünde? Ich atmete tief ein und aus (warum greift er mich indirekt an?) und wechselte auf die Metaebene: Viktor Frankl und dessen Wertedimensionen. Jeder hat seinen persönlichen (Lebens)Sinn. Jedem sein Weltbild, Hauptsache es macht für ihn Sinn, Hauptsache seine Einstellungen machen ihn glücklich. Da fiel ihm dann auch nichts mehr zu ein. Er stimmte zu und zog seine Waffen wieder zurück.

Überhaupt hat er eine irgendwie sehr frauenobjektivierende Einstellung bekommen. Und dann wieder schimmerte manchmal der alte Kami durch. Er hätte gerne Kinder und die passende Frau dafür. Diese müsste allerdings auch ein bisschen verrückt sein (und deutlich zwischen den Zeilen: So wie Du damals). Der ganze Abend war wie ein gegenseitiges Abchecken, wie wir zu einander stehen, wie unsere Zukunft zueinander steht. Sein Fazit am nächsten Tag schmierte er mir nebenbei auf's Brot: Er fände mich sexuell nicht mehr anziehend.

Wir saßen am späteren Abend zusammen auf der Couch meiner Schwester (die jetzt meine alte Wohnung hat und über Weihnachten weg war) und weiter entfernt hätte ich mich von ihm nicht weg setzen können. Früher hat er sich immer so warm und geborgen angefühlt. Ich habe noch nie so sehr die Distanz von ihm gesucht und emotional die Schotten dicht gemacht.
Er sagte zweimal, dass er nichts mehr vor hätte an dem Abend (und im Prinzip die ganze Nacht Zeit hätte). Kurz vor 12 fing ich an zu Gähnen und wollte einfach nur noch heim.

Ich schrieb nicht zurück, dass ich ihn nicht einmal mehr sympathisch finde. Auch wenn dies der Wahrheit entsprochen hätte. The higher road.

Am Liebsten hätte ich den Abend komplett rückgängig gemacht, weil er mir trotz meiner emotionalen Abschottung so sehr unter die Haut gegangen ist, als hätte ich ihn völlig von Neuem verloren. Ein Drücken und Ziehen in der Brust, völlig zum Heulen und Davonlaufen. Es ging mir tagelang schlecht, als wäre irgendwer gestorben und irgendwie ist Kami das für mich auch, der Kami den ich kannte.
29.12.15 23:24


Christmas intensifies the chiaroscuro (to use the pretentious kind of art-history terms I had in my head at the time): the contrast between light and shade. The light around you seems brighter, so the dark feels darker.
- Matt Haig auf The Guardian
16.12.15 23:20


I remembered who I was.
1.12.15 23:35


Herzensmenschen

Es gibt immer mehr Freundschaften/Beziehungen, deren (Fort-)Dauer mir in letzter Zeit bewusst wird. Meine größte Angst vor zehn Jahren war, mit 30 ganz alleine dazustehen. Sie wird nicht wahr.

Gestern war es das Wiedersehen mit dem Elfen. Loca und ich waren mit ihm Bier trinken und es war wie immer: Wir haben an sich wenig Kontakt und ich würde nicht behaupten, dass wir uns gut kennen würden, aber seit neun Jahren ist dieser Mensch mir immer wieder nah. Wenn wir uns begegnen, gehen wir vertraut miteinander um - gestern hätte man uns als Außenstehender vermutlich für ein Pärchen gehalten. Und nichts muss in Schubladen oder irgendwelche Definitionen gezwungen werden. Und nichts muss sich irgendwie entwickeln. Ich mag ihn als Konstante. Eine Oase, an der man sich immer wieder ausruhen und für einen Abend "ankommen" kann.
Loca hält seine Ausstrahlung für eine (tatsächlich nicht nur bei mir funktionierende) Masche. Aber nur weil andere Menschen bei ihm ähnlich empfinden, wertet das doch nicht unsere Begegnungen ab? Ich versuchte mich an Erklärungen, gab jedoch auf, weil dies das Öffnen von viel zu kleinen Schubladen bedeutet hätte. Und weil es eigentlich völlig egal war, was das jetzt nun ist. War. Wird. Wichtig sind die Begegnungen selbst und dass diese sich geborgen und sehr erholsam anfühlen. (Und ich dachte an Fireheart: Warum fällt mir das bei ihm so schwer?)

Abgesehen von diesem Thema (wobei sie es als ihr eigenes Problem mit Grenzen beschrieb, sie mag den Elfen ja auch) war es mit Loca wunderschön. Ich hatte ihr vor einiger Zeit mehrere Termine vorgeschlagen und sie hat sich einfach alle drei genommen, obwohl sie immer noch viel um die Ohren hat.

Row ist vor kurzem in die Nähe von Loca gezogen und ich schrieb ihm heute morgen von Locas Couch aus:
"Schon wach? Daheim? Looos aufwachen!"
"Meeh so früh?"
"Es ist wach!"
"Wach geht anders ;P"
"Noch Platz neben Dir?"
Auch mit ihm sind es schon über neun Jahre. Wir lagen nebeneinander und erzählten uns das letzte halbe Jahr. Diesmal erzählte vor allem er und ich dachte zwischendurch, wie dankbar ich dafür war. Dass er sich einfach so öffnete. Sein Herz brach in der Zeit heftig und er bezeichnete sich als desillusioniert. In den letzten Jahren zeigte sich wohl bei unterschiedlichsten Menschen in unterschiedlichen Kontexten, dass man sich kennen lernen würde und dann plötzlich zu unterschiedlichsten Zeitpunkten das gleiche passierte: plötzlich brach der Kontakt ab bzw versandete. Letzte Woche hätte er ein Gespräch mit einer Bekannten genau darüber gehabt und dessen implizierte Zukunftsaussichten hätten ihn runtergezogen. Diese Bekannte meinte, dass er eben ein Phänomen sei (was ihn verwirrte, er sieht sich als durchschnittlichen Menschen). Dass es keine Schubladen für ihn gäbe und man ihn daher nur schwer einschätzen konnte. Dass er zu fremd wäre.
Ihm sind die meisten Menschen auch fremd. Er verstünde sie nicht, meinte er.
"Aber Du kannst Menschen doch besser einschätzen und vorhersagen als ich?"
Er berief sich auf den von uns damals definierten Unterschied zwischen Nachvollziehen und Verstehen. Ich verstand.

Mir lief das Herz aus. Gerade seine Art war es, die ihn interessant machte, die mich anzog, die ihn für mich zu so einem besonderen Menschen machte. [Er ist für mich unkompliziert, wobei dies das falsche Wort ist, besser: er ist mir von Anfang an vertraut gewesen.]
"Na Du bist aber auch was besonderes", die große Ausnahme, winkte er lachend ab, bedankte sich jedoch für meinen Zuspruch. Aber wenn ich existiere, wenn er existiert und wenn wir eben Puzzleteilchen mit komischen Zacken sind, dann sind da draußen sicher noch andere. Nur eben ein bisschen seltener. Nur weil Allerweltsmenschen mehr Auswahl hätten, müsste er nicht so pessimistisch in die Zukunft blicken.
Er korrigierte mich, es wäre nicht pessimistisch sondern realistisch.

Vielleicht bleibe ich deshalb bei Luke. Er ist manchmal anstrengend, aber mir immer noch lieber/passender als alle anderen Puzzleteile da draußen.

Er fing irgendwann an, an seiner zerrissenen Jeans herumzureißen. Ich sah ihn kritisch von der Seite an.
"Die ist eh zu kaputt"
"Darf ich dann auch mal?"
"Nur zu!"
Ich riss einen Fetzen von der Hose ab und hielt ihn hoch.
"Ha! Ich kann jetzt sagen, ich habe Dir heute die Klamotten vom Leibe gerissen!"
Wir kicherten.
"So, das Stück hier behalte ich, das ist jetzt meine Trophäe."

Zum Abschied hatte ich es irgendwie verlegt und eigentlich wollte ich nicht viel Aufhebens darum machen, ich mag nicht dass man mich für komisch hält, aber er suchte und fand es, um es mir in die Hand zu drücken. Es war mir wichtig, also war es auch ihm wichtig.

Es war nicht immer alles gut zwischen uns, aber er hat mir immer mehr als jeder andere meine Eigenarten gelassen und mich als ganzen Menschen angenommen. Er sieht durch alle meine Schichten. Ich fühle mich von ihm erkannt.

Auf dem Heimweg im Zug zog ich den Jeansfetzen aus meiner Jackentasche und war zum Überlaufen dankbar für die Menschen, mit deren Freundschaft ich gesegnet bin.
25.11.15 21:19


München

Mr. Sheffield ist Sa auf Sonntag nach München gefahren, um Freunde zu besuchen. Nach ein paar Gläsern Wein am Mittwoch kam mir die spontane Eingebung, mich ihm einfach anzuschließen... um Fireheart wieder zu sehen. Er fuhr mich sogar bis fast an die Haustür.

Wir drückten uns immer wieder. Ich konnte es noch gar nicht fassen. Es waren bestimmt 5 Jahre seit unserer letzten Begegnung.

Wir gingen an der Isar spazieren und setzten uns irgendwann nebeneinander auf einen Baumstamm. Wir sprachen über Wolf-Dingo-Hunde und domestizierte Füchse, während wir die über die Wiese tollenden Hunde beobachteten. Wie immer sprachen wir über alles und kaum von uns. Ich bemerkte, dass es bald 11 Jahre her wäre, als er mir das erste Mal hier an die Pinnwand schrieb. So lange kennen wir uns schon.

Wir kennen uns, wie wir vor 11 Jahren waren, sagte er irgendwann im Verlaufe des Gesprächs.
Wann kennt man jemanden? Wann kennt man ihn nicht mehr?

Eigentlich kannte ich ihn nie. Nicht, wie man sonst seine Freunde kennt.
Wir haben uns kaum vom Alltag erzählt und selten von den Abenteuern. Oder besser: Von ihm erfuhr ich kaum etwas und ich schrieb ja hier. Dennoch war er mir immer Leuchtturm, Feuerwehr und ein fixer Stern am Himmel. Wir führten stundenlange Telefonate, wenn es brannte oder einer auf dunkler See umher irrte. Wir stellten die richtigen Fragen zur richtigen Zeit. Der Alltag war in diesen Momenten Nebensache.
Ich hatte immer das Gefühl, seinen Wesenskern zu kennen und daran hat sich bis heute nichts geändert. Alles drumherum ist bloß menschliche Verpackung.

Ich meine mich zu erinnern, dass ich vor unserer ersten Begegnung nicht mal ein Bild vom ihm kannte (und er überrascht war, als ich ihm das erzählte, weil es einfach zu finden gewesen wäre). Es war irgendwie nicht wichtig. Ich hatte einfach nicht daran gedacht.

Persönliche Begegnungen verliefen für uns immer schwierig. Seine Präsenz irritierte mich zutiefst. Mit 19 war es für mich das erste Mal, dass mir jemand auf diese Weise den Boden von den Füßen zog. Und da saß ich nun, auf den Po geplumpst und wollte nichts mehr, als ihn zu behalten. Dieser Mensch musste einfach bleiben. Er dagegen sträubte sich gegen alles, was ihn (oder mich?) gebunden hätte - physisch, metaphorisch, in welcher Form auch immer. In persönlichen Begegnungen war es, als hielte er ein riesiges Stoppschild vor sich.
Wenn wir uns sahen fanden wir nie den gleichen Draht wie auf Entfernung. In meiner Anwesenheit, sagte er, konnte er sich selbst nicht leiden.

Er erinnerte sich gar nicht mehr an seinen ersten Gästebucheintrag auf diesem Blog.
"Er ist pathetisch und schwülstig und vermutlich wirst Du Dich schämen", warnte ich ihn und suchte ihn heraus. Fireheart las nicht mal den ersten Satz und schob mein Handy mit der vorhergesagten Reaktion laut von sich. Ich kicherte.
Damals hatte es gepasst. Damals war es genau richtig. Ich erinnere mich noch daran, wie sehr ich zusammengezuckt bin. Als wäre ich entdeckt worden. Ich habe lange nicht einmal darauf reagiert, so sehr schüchterte mich die sofortige Vertrautheit zwischen den Zeilen ein.
Ihm zu begegnen, beschrieb ich damals, war wie in der Fremde endlich einen Menschen aus der Heimat anzutreffen, jemandem der meine Sprache sprach und meine Kultur verstand. Und so sehr wir damals nicht gepasst haben, wir waren richtig. Ich hatte jemanden wie ihn in meinem Leben gebraucht.

Kaum eine Reaktion hat mich so geprägt wie seine, als ich Bockmist baute (einen anderen Menschen aus Egoismus sehr verletzte). Jeder andere wusch mir den Kopf und fragte warum, während er einfach die Schultern zu zucken schien und meinte, "na, jetzt schauen wir mal, wie wir Dich wieder aus der Scheiße ziehen". Als gehöre das eben zum Leben dazu: Jeder machte Fehler, aber das änderte nichts an meinem persönlichen Wert. Das war eine wichtige Lektion.

Er lese seit Monaten hier nicht mehr mit, sagte er. Früher habe er öfter geschaut, aber ich hätte nicht mehr geschrieben. Schreibe ich noch?

Ich weiß, dachte ich, ich weiß, dass Du nicht mehr liest.

Wir standen gemeinsam am Herd und schmeckten das Essen ab. Ich hielt plötzlich inne und sah zu ihm.
"Das hier ist neu." Er dachte kurz nach und lächelte. "Ja."
Friedlich, harmonisch, entspannt und wir selbst. Das hatten wir noch nie so hin bekommen. Ich lief ihm nicht mehr wie ein kleines Hündchen aufmerksamkeitsheischend zwischen den Füßen herum und er musste mich nicht mehr ständig von sich weg schieben. Vielleicht begegneten wir uns erstmals auf Augenhöhe.

Wir redeten über Filme, schauten Vom Winde Verweht und er kuschelte sich an mich.
Auf seinem Schreibtisch entdeckte ich Seifenblasen.
"Natürlich habe ich Seifenblasen!" rief er, "Du etwa nicht mehr?"
"Ähm. Irgendwo habe ich bestimmt noch welche."
"Gut. Sonst hätte ich mir Sorgen gemacht."
Ich machte mir stumm Sorgen um mich. Meine Welt war schon länger seifenblasenlos.

Irgendwann war er ziemlich müde und wir gingen ins Bett. Wie üblich konnte ich nicht neben ihm schlafen - immerhin eine Sache, die gleich geblieben war. Ich war hellwach, es war viel zu warm, die Matratze zu hart. Und dieses unwirkliche Gefühl, nach so langer Zeit wieder neben ihm zu liegen.
Die körperliche Nähe (obwohl wir, objektiv betrachtet, immer noch und wieder Fremde waren) tat unglaublich gut. Das starke Heimwehgefühl, welches mich in der letzten Zeit verfolgte wie ein hungriges Tier, ließ endlich nach. Die Frage "Was denkst Du grade?" lag mir schwer auf der Zunge, aber selbst mir schien sie zu platt, obwohl sie berechtigt gewesen wäre.

Diesmal setzte ich die Grenzen.

Der Abschied am nächsten Morgen war abrupt. Er brachte mich zur Bahn, die bereits einfuhr, als wir die Station erreichten. Auf dem Weg zur Bahn hatte ich das Bedürfnis gehabt, mich bei ihm einzuhängen, ihn noch ein bisschen festzuhalten, aber ich unterließ es. Manche Dinge ändern sich nicht.

Auf der Heimfahrt und noch den restlichen Sonntag waren meine inneren Akkus wie aufgeladen, obwohl ich kaum geschlafen hatte. Abends saß ich mit meiner ganzen WG beim Essen und ich fühlte mich zum ersten Mal seit langem wieder wohl. Als wäre ich irgendwie wieder grade gerückt. Entspannt. Ein Zustand, um den ich seit Wochen kämpfte.

Er gehört immer noch zu meinen Lieblingmenschen, aber es hängt für mich nichts mehr davon ab, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht.
Ich habe gelernt, meine Feuer irgendwie ohne ihn zu löschen und mit anderen Sternen zu navigieren. Der Harmonie in der Nähe ging der (zumindest gefühlte) Verlust der Freundschaft auf Distanz voran. Es ist lange her, dass wir ein richtig gutes/nahes Gespräch hatten. Ich bezweifle, dass das ein guter Tausch war, vielleicht war es aber einfach an der Zeit.

###

Was für eine merkwürdige Achterbahn. Erst total entspannt und glücklich, dann in tagelanger Abschiedstrauer und nun in stiller Akzeptanz.
8.11.15 22:19


Akzeptanz der eigenen Ungeheuer

Unsere neue Mitbewohnerin ist ständig unterwegs und selten alleine. In einem Moment zwischen uns beiden gab sie zu, auch nur schlecht alleine mit sich klar zu kommen, da sie in der Alleinsamkeit von Unbewältigtem heimgesucht würde.
Ich dachte kurz nach und stellte überrascht fest, dass ich mit mir eigentlich ziemlich im Frieden bin. Es gibt einfach nicht wirklich viel, was ich mit mir selbst klären müsste. Zwar habe ich meine Baustellen, aber ich habe auch einiges als "nicht veränderbar" bzw. "momentan nicht veränderbar" angenommen.

* Ein (neues) Rudel werde ich an diesem Ort nicht mehr aufbauen können. Menschen gehen. Menschen kommen. Menschen gehen. Nicht umsonst steht hier "Adieu, sagte der Fuchs" seit Jahren an der Wand. Umso dankbarer bin ich für die Menschen, die in meinem Leben bleiben. Auch wenn zu den meisten gerade eine erhebliche räumliche Distanz herrscht. Ich bin nicht so alleine, wie ich mich gerade fühle.
* Ein Model werde ich in diesem Leben nicht mehr. Gelassenheit steht mir daher besser als vergebens einem alten Ideal hinter her zu rennen (wobei: an diesem Punkt arbeite ich noch).
* Ich werde nächstes Jahr 30 und das macht mir ein bisschen Angst. Das Positive am Altern ist jedoch: Man kennt langsam seine eigenen inneren Ungeheuer und wenn sie nachts mal wieder unterm Bett rumpeln, wirft man eben seinen Hausschuh drunter. Ich fürchte mich vor so vielem - vor Menschen zu stehen, neue Kontakte zu knüpfen, mich in fremde Situationen zu begeben, Menschen zu berühren. Aber wenn ich heute auf meine Schattensprünge zurück blicke, weiß ich, dass ich es kann. Dass es immer irgendwie gut geht, dass die Schattensprünge meistens ins Licht führen: "Augen auf und einfach machen".
* Meine Unklarheit darüber, wie es nun mit mir weitergeht, ist keine fremde Begleiterin. Man kann mit ihr leben. Manchmal muss man sich einfach überraschen lassen. Ich versuche, tief durchzuatmen und meiner Neugier Raum zu lassen.
* Die Verantwortung gegenüber meinen Katzen schränkt mich in meinen Zukunftsmöglichkeiten ein (z.B. möchte ich wegen ihnen in keine Großstadt). Wobei das auch mit meinen Prioritäten zu tun hat und die liegen nun einmal so.
* Ich muss ferner damit leben, die "falschen" Praktika (und überhaupt das "falsche" Studium) für meine beruflichen Interessen ausgesucht zu haben. Für die meisten Jobs, die mich aktuell interessieren hätte ein Bachelor Soziale Arbeit ausgereicht. Aber gut, das sind meine Karten. Letztens habe ich Poker gespielt und trotz der besseren Karten auf der Hand gegen die anderen verloren - ich traue anderen Menschen einfach grundlegend immer mehr zu als mir. Selbstsicherheit zu blöffen ist manchmal die beste Karte, die man spielen kann.
6.11.15 00:25


Ich fühle mich wie ein rudelloses Rudeltier.

Eine Beschreibung meines Gefühlszustandes, die mir seit Tagen im Kopf rumgeistert.
4.11.15 18:59


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